Was tun, wenn es unerträglich wird?
Vortrag von Dr. Cordula Ahnhudt am 10.10.01 beim Psoriasis Forum Berlin
30 bis 50 Prozent der Psoriatiker klagen über Juckreiz. Den Wissenschaftlern fällt es schwer, die Auslöser für das Jucken objektiv zu erfassen, weil es ein völlig subjektives Symptom ist. Was den einen kratzt, juckt den anderen überhaupt nicht. Auch wird der Juckreiz an den verschiedenen Körperstellen sehr unterschiedlich wahrgenommen. Juckreiz auf dem Kopf oder an den Händen kann als unangenehmer empfunden werden, als an anderen Körperpartien. Der körpereigene Botenstoff Histamin wird ausgesandt und lässt einen starken Reiz empfinden, der oft erst dann aufhört, wenn man sich blutig gekratzt hat.
Als Auslöser sind Medikamente wie Vitamin-B-Komplex, Aspirin, Vitamincocktails oder Hormondosierungen bekannt. Sie können, müssen aber nicht zum Juckreiz führen.
Behandelt wird das Phänomen oder durch juckreiz-stillende Mittel oder bei der Psoriasis durch entzündungshemmende Therapien. Zu den Medikamenten gegen den Juckreiz gehören alle Anti-Histaminika. Die meisten davon machen müde, nicht aber Aerius® und Xusal®. Anti-Depressiva können ebenfalls gegen starken Juckreiz genommen werden, können aber teiweise erhebliche Nebenwirkungen haben. Der Juckreiz wird auch gehemmt durch Teerprodukte (z.B. Tanolax®), Harnstoff (Urea) und Gerbstoff. Diese Mittel wirken gut bei der Behandlung von Händen und Füßen.
Natürlich gibt es auch psychologische Mittel, den Juckreiz zu stillen. Am einfachsten ist es, ihm einen anderen Reiz entgegen zu stellen (Kälte, Druck an anderen Körperstellen) oder zu den klassischen Entspannungsmethoden zu greifen.
Als direkte Tipps nannte Dr. Ahnhudt:
• nicht in der Badewanne in heißem Wasser lange liegen und baden,
• nicht zu lange und nicht zu heiß duschen,
• keine alkalischen Seifen benutzen, sondern seifen- und parfumfreie Syndets mit rückfettender Wirkung oder Duschöle und Duschcremes,
• am Schluss kalt duschen, weil sich dadurch die Poren schließen und nicht zu viel Feuchtigkeit verdunsten kann,
• nach dem Duschen immer eincremen,
• keine übertriebene Körperpflege betreiben (1x duschen pro Tag reicht),
• die Haut nicht unnötig austrocknen lassen durch lange Sonnenbestrahlung oder alkoholhaltige Reinigungsmittel,
• luftige Kleidung aus reizarmen Materialien,
• kühle Räume,
• Bettwäsche aus kühlenden Materialien,
• sich so viel wie möglich vom Jucken ablenken,
• Entspannungstechniken erlernen
Silberkleidung gegen Juckreiz?
Eine mit Silber ummantelte Mikrofaser wirkt nach Angaben der Hersteller antibakteriell und pilzabtötend. Daraus gewebte Kleidung und Bettwäsche soll den typischen Juckreiz bei Hautkrankheiten lindern.
Leider hilft das zwar beim atopischen Ekzem ("Neurodermitis"), aber nicht bei Psoriasis. Das Geld dafür kann man sich als Schuppi wirklich sparen!
Es juckt - Stichpunkte für alle, die das Kratzen nicht sein lassen können
30 bis 50 % der Psoriatiker leiden darunter, dass ihre Stellen mehr oder weniger stark jucken.
• Jucken und Kratzen - quälend und zwanghaft
• Es ist zum Verrücktwerden!
• Der Kratz-Schmerz ist weniger schlimm als der Juckreiz!
• Kratzen bis es blutet!
• Gegen alle Vernunft!
• Kratzen in der Öffentlichkeit verpönt!
• Selbst im Schlaf gibt es keine Ruhe!
Was juckt mich da?
• Hautkrankheiten (Neurodermitis, Psoriasis, beruflich bedingte Hautkrankheiten)
• Ekzeme (allergisches Kontaktekzem, seborrhoisches Ekzem)
• Allergische Hautausschläge (+ Nessel- oder Quaddel-Sucht)
• Infektionskrankheiten (Windpocken, Masern, Röteln, Scharlach)
• Parasiten (Läuse, Flöhe, Milben)
• empfindliche Kinderhaut oder trockene alternde Haut
• Innere Krankheiten (Diabetes, Leberschaden, gestörte Ausscheidungsfähigkeit der Niere, Tumore)
• Medikamente (Codein aus Hustensaft, ACE-Hemmer zur Blutdrucksenkung)
• Negativer Stress
Es ist zum aus der Haut fahren: Unerträglicher Juckreiz
Jeder Juckreiz ist anders: Es prickelt, sticht, brennt, kitzelt oder schmerzt. Man fühlt eine dauernde nervöse Anspannung an einzelnen Stellen oder am ganzen Körper.
Warum juckt es?
Die Haut enthält Jucknerven.
• Sie melden jeden Reiz ans Gehirn („Rezeptoren“).
• Das Gehirn meldet zurück: „Kratzen!“
• Die Jucknerven sind spezialisiert auf unterschiedliche Reize
• Spannungsänderungen wegen trockener Haut.
• Erhöhte Hauttemperatur (Hitze).
• Chemische Reize durch Stoffe (Neurotransmitter und Gewebehormone), z.B. Histamin: in Bienengift, Quallen und Brennnesseln, als körpereigenes Histamin bei Arznei- oder Nahrungsmittel- Allergien oder histamienhaltige Lebensmittel wie Rotwein, Fisch oder Käse
Schmerznerven blockieren Jucknerven
• Kratzen reizt die Schmerzrezeptoren. Sie melden ihren Reiz auf der gleichen Bahn wie die Juckrezeptoren. Das Gehirn bekommt dadurch keine Juckmeldung.
• Die Spirale schaukelt sich immer weiter hoch: Kratzen – Hautschaden - Jucken – Kratzen.
Ablenkungsmanöver
Jucken wird nicht immer gleich stark als störend empfunden:
• Wer auf andere Dinge konzentriert ist, merkt den Juckreiz nicht.
• Wer sich hineinsteigert, wird kaum noch aus der Qual hinausfinden.
Krankheit als Ausdruck psychischer Probleme?
• Es juckt auf der Haut, weil dem Patienten in seinem Leben „etwas juckt“. Im Bewusstsein muss solange gekratzt werden, bis das Problem gefunden ist.
• Ist niemand da, der die Haut berührt und streichelt, wird das Verlangen mit Kratzen befriedigt. Haut wird beachtet und berührt, wenn auch negativ.
• Offene, blutige Stellen führen dazu, dass Patient sich extrem abgrenzt. Dafür hat er sich körperlich „geöffnet“.
• Wer Angst hat, von anderen verletzt zu werden, verletzt sich selbst.
Kratzen umlenken
• Reiben, Klopfen, Streicheln, Drücken, Kneifen der Stellen selbst oder der Areale um den Juckreiz herum.
• Kratzklötzchen, um Spannungen „körperfremd“ abzubauen, wenn das Kratzen zur Angewohnheit geworden ist.
Kühlung
• Feuchte Umschläge (Verdunstungskälte)
• Umschläge mit kaltem schwarzem Tee über einer fetthaltigen Creme oder Salbe
Kalt duschen
• Schlafanzug / Nachthemd ins Tiefkühlfach
• Kühlaggregate für Kühlbox
• Bettwäsche aus kühlendem Material
• Im Sommer glatte, weite, saugfähige Kleidung (Baumwolle, Seide oder Leinen saugen ausgeschwitzte Feuchtigkeit auf)
Baden mit Zusätzen
• Teer (Balneum Hermal, Kinderbad mit Teer-Töpfer, Polytar Emolliens Teerbad, Sebopona flüssig mit Teer, Teer-Kleie-Bad Töpfer, Balnazit flüssig)
• Gerbstoffe (Tannolact-Pulver),
• Kaliumpermanganat (bei starkem Juckreiz, für Kinder giftig)
• Sojaöl, Polidacanol, Erdnussöl (Balneum Hermal F, Plus, normal)
Waschmittel
Duftstoffe und Bleichmittel können die Haut reizen. Es gibt dermatologisch geprüfte, hautfreundliche Waschmittel. Aber ob sich das wirklich bei der Psoriasis bemerkbar macht, haben wir bisher noch nirgendwo bestätigt bekommen.
Schlafen, wenn das Jucken es zulässt
Wer einen gesunden Schlaf hat, kann sich (vielleicht) damit vorm Kratzen schützen. Alkohol oder andere Drogen verstärken den Juckreiz.
Ablenkung
Alles, kann uns vom Kratzen ablenken,
• was uns persönlich Spaß macht,
• was uns fordert oder
• was uns auf andere Gedanken bringen lässt, (Aktivitäten, Traumreisen, Hobbys, Freunde)
Das juckt mich nicht! Gleichmut statt Jucken.
• Autosuggestion und Berührung (Botschaften ans Nervensystem: „Es geht gleich wieder vorbei“, „Das gehört eben dazu“, „Ich lasse mich doch nicht + Stressbewältigung (eigene Stärken und Fähigkeiten unterstützen, Konflikte besprechen und lösen, Alltagsanspannung als „normal“ ansehen, eigene Krankheit selbstbewusst bewältigen)
• Entspannung (Herausfinden, was individuell Entspannung und Kraft gibt, Autogenes Training, Yoga, Meditation, progressive Muskelentspannung, Atemtherapie, beruhigende Musik)
Energie in den Juckreiz schicken
Atemübungen und Visualisierungstechniken nutzen, um Kontakt zum Juckreiz herzustellen. Sich in die juckenden Bereiche hineinzudenken.
• Sich bildlich vorzustellen, was in den Nerven dort vorgeht. Intensiv wahrnehmen, wie der Juckreiz in den Körper fließt und welche Verbindungen er aufnimmt. Dort hinatmen und damit Energien hinsenden („Middendorf“).
• Durch ausgedachte Bilder und Geschichten Juckreiz vertreiben („Imaginationen“).
Sicherheitshalber
• Nägel kurz schneiden.
• Nachts Baumwollhandschuhe und eventuell Socken tragen (verkleben, damit man sie nicht im Schlaf abstreift).
• Viel trinken, damit die Haut nicht austrocknet
Pflegen und Behandeln
Sorgfältige Körperpflege mit Basiscremes oder Lotions. Stellen nie trocken werden lassen! Die meisten Dermatologen, dass Öl die Haut eher austrocknet. Sie empfehlen Pflegemittel mit viel Harnstoff (Urea) - mindestens 5 %.
• andere Pflegemittel z.B. mit Polidocanol, Capsaicin aus Paprikaschoten, Johanniskraut, Klettenwurzel oder Melissenöl.
• Soventol“ und „Fenistil“ gegen massive Kratzanfälle (ermüdend).
• Kortisonhaltige Cremes und Salben, nicht aber in Alkohollösung.
• Synthetische Gerbstoffe („Tannolact“, „Tannosynth“, „Delagil“)
• Elidel und Tacrolimus (off-labe-use, d.h. darf nur in Ausnahmefällen verschrieben werden)
Placebo Effekte wirken beim Juckreiz
Rituale oder Heilsversprechen wirken auf das Bewusstsein. Wer es schafft, positive Gefühle wie Hoffnungen, Erwartungen oder Glauben zu erzeugen, kann den Juckreiz oder das Kratzbedürfnis damit beeinflussen.







