Aktuelle Seite: StartseiteVereinTherapienKangal-Fische

Kangal-Fische

Heilen "Doktorfische" die Schuppenflechte?

Dass es Fische gibt, die bei Psoriasis als „tierische Doktoren“ eingesetzt werden, ist in Deutschland erst durch die Sensations-Berichterstattung in den einschlägigen Medien bekannt geworden. Die einen pilgerten daraufhin an die warmen Quellen von Kangal in der Türkei. Die anderen kauften hier für teures Geld Fische, die sie in der Regentonne oder der Badewanne hielten. Über Jahre beherrschten eher unseriöse Fischzüchter den Markt für diese „Knabberfische“. Heilpraktiker und „Behandlungszentren“ außerhalb von Kangal entwickelten diese Therapie weiter. Inzwischen liegt eine seriöse Pilotstudie vor, die zu dem Ergebnis kommt, dass die „Ichtyo-Therpie“ eine „brauchbare Behandlungsmöglichkeit für Patienten mit Psoriasis“ ist. "Ichthyo" ist griechisch und bedeutet „Fisch“. Wer sie ausprobieren will, muss sie privat bezahlen. Wir raten, sich entweder in Kangal selbst behandeln zu lassen oder sich hier einen seriösen Anbieter dafür zu suchen. Aber eine „Heilung“ gibt es auch bei dieser Therapie nicht. Ihr großer Vorteil: Sie hat keine Nebenwirkungen. Wenn sie anschlägt, kann man durchschnittlich ein Dreiviertel Jahr erscheinungsfrei bleiben. 
 
Die „Knabber-Fische“ kommen aus der Türkei und werden dort „Doktor-Fische" genannt. Man findet sie in der Provinz Sivas in Anatolien, in einem Bad in der Nähe des Ortes Kangal. Deshalb werden diese Fische auch als „Kangal-Fische“ bezeichnet. Von den dort vorkommenden Arten gelten vor allem die Garra Rufa (Rötliche Saugbarben) als die eigentlichen „Knabberfische“. Sie werden zwischen 10 und 14 cm lang und leben in warmem Wasser bei durchschnittlich 35 Grad Celsius. Wegen der hohen Temperatur gibt es kaum tierische oder pflanzliche Nahrung. Die Fische leiden an Hunger und Unterernährung. Die Hautschuppen der Menschen, die in diesen Gewässern baden sind ein leicht zugängliches, eiweißhaltiges Futter für sie. 
 
Das Wasser dort enthält hohe Konzentrationen an Kalzium, Magnesium, Hydrokarbonat, Sulfat und vor allem das hautdurchlässige Selen. Das Wasser ist hypotonisch (Druck niedriger als der Blutdruck), oligometallisch (=viele Metalle) und hat einen hohen ph-Wert (=alkalisch). Außerdem soll es anti-septisch sein, d.h. Krankheitskeime werden nicht übertragen. 
 
Die Patienten müssen 2-mal täglich 3-4 Stunden im Pool baden, insgesamt pro Tag also sechs bis acht Stunden. Außerdem müssen pro Tag 2-3 Liter vom Quellwasser getrunken werden; schon vor dem Frühstück auf nüchternen Magen 3-5 Gläser. Es herrscht absolutes Alkoholverbot. Die Therapie sollte unbedingt drei Wochen durchgehalten werden. 
 
Die Pools sind nach Geschlechtern getrennt. Wer in das Becken steigt, muss sich daran gewöhnen, dass sofort ein Schwarm von Fischen an den Hautstellen „pickt, knabbert und schabt“. Die Haut verträgt das stundenlange Baden gut, weil das Wasser entsprechend zusammengesetzt ist. Viele werden das Krabbelgefühl der Fische auch nachts im Bett nicht mehr los. 
 
Die Therapie in Kangal kann eine Schuppenflechte nicht „heilen“! Aber es ist möglich, für einige Monate „erscheinungsfrei“ zu sein. Wie bei allen anderen Pso-Therapien schlägt auch diese bei jedem unterschiedlich gut an. Es gibt Patienten, bei denen sie gut hilft. Bei anderen wiederum ist sie völlig erfolglos oder verschlimmert sogar die Psoriasis. Das muss man leider selbst ausprobieren. Das Wasser in Kangal enthält Stoffe, die den Hautzustand verbessern können, vor allem entzündungshemmende Schwefelsalze und Selen. 
 
Man weiß, dass es auch an anderen Orten der Welt für Psoriatiker „heilendes Wasser“ gibt, z.B. das Tote Meer mit seinen entzündungshemmenden Mineralien oder die „Blaue Lagune“ auf Island. Warmes Wasser beruhigt darüber hinaus die Haut. Die Höhenlage des Bades (1.500 m) und die völlige Stressfreiheit des Ortes wirken positiv auf die Psyche. Bisher sind keine Nebenwirkungen dieser Therapie bekannt geworden. Experten weisen aber darauf hin, dass die Wissenschaft nichts darüber weiß, ob Fische Krankheiten übertragen können.
 
Die Unterkunft am Ort hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, aber auch erheblich verteuert. Es gibt billige Unterkünfte, von denen uns aber abgeraten wurden. Von Deutschland aus bietet ein Reiseveranstalter einen dreiwöchigen Aufenthalt für 2.200 Euro im Einzelzimmer an, in dem alles enthalten ist. Freizeitmöglichkeiten gibt es absolut keine. Der nächst größere Ort ist ca. 100 km entfernt. 
 
Im Juni 2006 wurde eine Pilotstudie veröffentlicht. Über drei Jahre wurde in einem seriösen Behandlungszentrum beobachtet, ob und wie diese Therapie außerhalb von Kangal gewirkt hat. 67 Patienten mit Psoriasis wurden von den Fischen schuppenfrei geknabbert und hinterher mit UVA-Licht bestrahlt. Bei 43,7 % der Patienten gingen die Hauterscheinungen um mindestens 75 % zurück, bei weiteren 44,8 % um mindestens 50 %. Es gab keine ernsthaften Nebenwirkungen. Die Patienten waren ausdrücklich sehr zufrieden mit dieser Behandlung. Bei einer Anschlussbefragung antworteten 60 % der Teilnehmer. Sie waren durchschnittlich 8 ½ Monate erscheinungsfrei. 87,5 % hatten den Eindruck, dass diese Therapie bei ihnen besser gewirkt habe, als andere, die sie vorher ausprobiert hatten. 65 % meinten, die Psoriasis sei danach weniger stark wieder ausgebrochen. Von knapp 40 % der Teilnehmer weiß man nicht, wie die Therapie bei ihnen langfristig gewirkt hat. Die Autoren der Pilotstudie schließen nicht aus, dass gerade diejenigen Patienten nicht geantwortet hätten, die von der Therapie enttäuscht waren, weil es z.B. wieder einen schnellen Rückfall gegeben hat. Es wird hervorgehoben, dass diese Therapie außerdem sehr sicher ist. Von den Fischen selbst sind keine nennenswerten Nebenwirkungen zu erwarten. Bei der zusätzlichen UV-Bestrahlung muss man die bekannten Risiken berücksichtigen. 
 
Die Patienten waren drei Wochen täglich zwei Stunden bei einer Temperatur von 36-37°C im „Fischbad“. Danach wurden sie mit einem handelsüblichen Schnellbräuner drei bis fünf Minuten mit UVA bestrahlt. Am Ende wurde die Haut mit einer Lotion aus Glycerin, Shea-Butter und Aloe Vera Extrakt eingecremt. War auch der Kopf befallen, wurde er vor der Behandlung kahl rasiert. Jeder Patient hatte während der Behandlungszeit seine eigene Wanne und seine eigenen 250 bis 400 Fische, abhängig davon, wie hartnäckig und verbreitet die Psoriasis war. Die Fische wurden in einer Zuchtanlage professionell gehalten und kontrolliert, um jedes Risiko einer möglichen Infektion auszuschließen. 
 
Die Schulmedizin nimmt die Ichtyo-Therapie nicht ernst. Es wird lediglich akzeptiert, dass die Fische Schuppen abknabbern und die Haut glatt machen können. Es gibt keinen Nachweis, sondern nur Vermutungen darüber, warum die Therapie in Kangal wirkt: Die zusätzliche Sonneneinstrahlung dort, das Selen im Wasser oder das völlige Fehlen von Stress. Manche behaupten, die Fische würden beim Knabbern ein entzündungshemmendes Enzym oder Dithranol in die Haut einspritzen. Das konnte bisher aber nicht nachgewiesen werden. 
 
Inzwischen wird die Fisch-Therapie in heimischen Behältern nicht mehr angeboten. Sie ist zu teuer, unhygienisch und die Tiere können zu Hause nicht artgerecht gehalten werden. Wir raten davon ab! 
 
Wer damit zu einem Heilpraktiker oder in ein Behandlungszentrum geht, sollte sich vorher sehr genau über die Details der Behandlung informieren: Wie sind die hygienischen Bedingungen, d.h. hat man seine eigene Wanne und seine eigenen Fische? Wie wird das Wasser keimfrei gehalten, ohne die Fische zu gefährden? Werden mindestens 150 Fische pro Patient eingesetzt? Wie lange soll therapiert werden? Es ist noch ungeklärt, ob das absolute „Minimum“ drei oder vier Wochen beträgt. Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Fischzüchter aus? Wie werden die Fische gehalten, ernährt und kontrolliert? Kommen die Fische nach einer Behandlung mindestens drei Wochen in Quarantäne, bis sie einen neuen Patienten bearbeiten? Damit soll das Risiko ausgeschlossen werden, dass Krankheiten übertragen werden. Welche zusätzlichen Maßnahmen werden angeboten (UV-Bestrahlung, Darmsanierung, Ernährungsumstellung u.ä.)? In einer von uns befragten Klinik kostet eine vierwöchige stationäre Behandlung mit Unterbringung im Einzelzimmer komplett 2.400 Euro. 
 
Bei fast jeder Psoriasis-Behandung wird zusätzlich bestrahlt. Über die Risiken informieren Sie sich bitte an anderer Stelle! Grundsätzlich gilt, dass UVB bei Schuppenflechte besser hilft, als UVA, vor allem im Spektrum von 311 nm. 
 
Es gibt noch keine überzeugenden Aussagen darüber, welche Patientengruppen für diese Therapie nicht geeignet sind. Einige Anbieter behandeln Kinder unter 12 Jahren nicht. Jüngere Kindern sollten sowieso nicht mit UV-Licht bestrahlt werden. 
 
Es spricht nichts dagegen, die Ichtyo-Therapie ausprobieren, wenn man das Geld dafür hat. Sie ist eine nebenwirkungsfreie Alternative zu vielen anderen Behandlungen. Selbst bei der „natürlichen“ Klimatherapie am Toten Meer muss man mit UV-Strahlungsschäden rechnen! Aber es ist nicht jedermanns Sache, sich von Fischen beknabbern zu lassen. 
 
In 2013 hat sich der baden-württembergische Landesbeauftragte für Tierschutz gegen den Einsatz dieser Fische im Wellness-Bereich ausgesprochen. Die Tiere würden einem starken Stress ausgesetzt werden, weil sie ständig umgesetzt werden, mit unterschiedlichen Wasserqualitäten zurecht kommen müssten und sich nicht ausreichend zurückziehen könnten. Außerdem sei das Verfahren für die Menschen unhygienisch. Ausdrücklich nahm er den Einsatz der Fische zu therapeutischen Zwecken aus, obgleich sich die Bedingungen wenig unterscheiden.  
 
Weitere Informationen, Diskussionen und Einschätzungen gibt es im Psoriasis-Netz.
 
Reisen nach Kangal veranstalten Fener Reisen (Hamburg)
 
Adressen von Anbietern der Ichtyo-Therapie gibt es im Adressbuch des Psoriasis-Netzes.
Zum Anfang